Freudenthal - Das gläserne Tal
In der Nähe von Weißenkirchen im Attergau nicht weit entfernt vom idyllischen Attersee versteckt sich das unberührte Freudenthal. Einige wenige alte Häuser verraten die einzigartige historisch belegte Geschichte der Glaserzeugung im 19. Jahrhundert.
Jetzt fast zwei Jahrhunderte später gibt es hier den Themenweg „Das gläserne Tal“ zu entdecken. Idyllisch, in einer Landschaft, die in ihrer Ursprünglichkeit kaum verändert wurde, kann der Weg an mehreren Stellen begonnen werden.
Mein Navi führte mich ans Ende des Weges, von wo ich den Weg talabwärts begann.
Gleich zu beginn verzaubert der Regenbogenpavillon, eine Laube mit bunten Glasscheiben zwischen Buchenblättern und darin eine Bank, die zum Verweilen einlädt.
Einige Meter weiter gelange ich zu einer speziellen Feierstelle. Ein riesiger Eisenrost hängt an drei dafür konstruierten Holzsäulen, die in der Mitte über dem Feuer – gleich einem Zelt – zusammengebaut sind und den runden Eisenrost schwebend tragen.
Pottasche diente früher als Schmelzbeschleuniger in der Glaserzeugung. 90% des gesamten Holzbedarfes war für die Erzeugung der Pottasche erforderlich. Das führte dazu, dass die Waldglashütten oft jährlich ihren Standort wechseln mussten, weil der Holzverbrauch so unglaublich hoch war.
Über einen kleinen Steg führt der Weg entlang des Waldrandes zu einem kleinen Teich.
Die Luft roch nach Bärlauch.
Am gegenüberliegenden Ufer begrüßt mich ein rötlich gefärbter Frosch aus Stein, als wollte er quaken: „Schön, dass du da bist!“ Die Kindheitserinnerungen ans Märchen der Gebrüder Grimm „Der Froschkönig“ durchstreifen meine Gedanken. Was für eine bezaubernde Idee!
Ein kleines Stück weiter werde ich eingeladen an einer wundervoll ausgeführten Glasscheibensanduhr zu verweilen. Die Zeit scheint still zu stehen. Ich will schon weiterziehen, doch der rieselnde blau gefärbte Sand zieht mich in seinen Bann. In der beruhigenden Ausstrahlung des Waldes, betrachte ich das meditative Rieselnd des Sandes und lausche den Vögeln des Waldes. Irgendwann ist der Motor eines Autos aus der Ferne wahrzunehmen, aber sonst – nur Ruhe und der rieselnde Sand. Ich verweile dort und nichts kann mich bewegen weiterzugehen, bis das letzte Sandkorn seinen Weg durch die schmale Öffnung gefunden hat. Es ist, als werde auf wundersame Weise die Hektik des Alltags durchbrochen. Was für ein berührend NOT-wendiger Moment. Dankbar setzte ich langsam den Weg fort.
Der Weg, der zunächst die Straße kreuzt, führt mich in einen dicht bewachsenen Wald. Plötzlich, an einer kleinen Lichtung, ragt vor mir eine Rutsche empor.
Ursprünglich war die „Ries“ eine aus Holzstämmen gebaute Rutsche und diente bei der Holzschlägerung als Hilfe für den Transport der Baumstämme talabwärts.
Heute erfreut sich jung und alt, wenn es in schnellem Tempo auf kurzer Strecke bergab geht.
Ein Stück weiter entlang des Weges versteckt sich in einer weiteren kleinen Waldlichtung ein überdimensionaler Schmetterling. Sein Körper ist aus Holz geschnitzt und seine Flügel glänzen – je nach Sonneneinstrahlung – in leuchtend orangen Farben aus Glas. Ein kunstvoller fröhlicher Farbtupfer, mitten im Grün des Waldes.
Entlang des kleinen Baches führt der Kiesweg weiter zur Waldapotheke.
Die kleine Holzhütte erinnert an das einfache Leben der Holzknechte, die oft tagelang im Wald blieben, um dort ihre Arbeit zu verrichten.
Sie kannten sich nicht nur mit der Holzarbeit, sondern vor allem auch mit den Heilpflanzen und Kräutern im Wald aus. Oft mussten sie sich nach Verletzungen selbst versorgen, denn ein Arzt war zu weit weg und kaum leistbar. Die Glaserzeugung in Freudenthal war vorwiegend auf die Herstellung von Medizin- und Apothekengläser spezialisiert.
Grüne Geister
Wenn man nun den Weg entlang des Baches weiterwandert, wird der Wald wieder lichter. An einer weiteren Waldlichtung – auf der gegenüberliegenden Seite des Baches befinden sich grüne Glasgestalten, die das Auge inmitten des Grüns der Wiese erst langsam erfassen muss. Das ist nichts für den schnellen Blick, sondern entfaltet sich erst in der genauen, verweilenden Betrachtung. Die „Grünen Geister“, wie diese Figuren benannt sind, lassen die Betrachtenden eintauchen in die Welt, auf der anderen Seite des Flusses. Es ist nicht gedacht näher heranzugehen, denn ein dünner Draht markiert vor dem Bach die Grenze, die vermittelt: „Mensch, halt an! Geh nicht weiter! Bleib im Hier und Jetzt auf dieser Seite des Baches! Erinnere dich daran, dass es ein Jenseits des Baches gibt, eine unantastbare Ewigkeit.“
Dem Künstler Bernhard Stimpfl-Abele dienten als Vorlage Zeichnungen alter Glasarbeiter und Formen der ehemaligen Glasfabrik. Er verbindet das „Alte“ mit der neuen Perspektive. Aus diesen beiden unterschiedlichen Ansätzen, der Kopie und dem Spiegelbild, kann das „Neue“, das „Noch-nie-Dagewesene“ seinen Platz finden. Damit schafft er eine magische Form der Lebendigkeit, die uns hoffen lässt, was nach dem Diesseits einmal kommen wird – ein Leben in Ewigkeit.
Rastplatzstationen
Tief berührt und in Gedanken versunken, begrüßt mich ein lebensgroßer zum Anfassen einladender Frosch. Nicht zu übersehen sind seine grünen Beine, die beinah den Flossen einer Ente gleichen. Es erheitert mich und entlockt mir einen fröhlichen Lacher.
Zurück in der realen Welt führt der Weg weiter zu einem Vogel, der paradoxerweise einlädt auf ihm Platz zu nehmen. Sein aus Holz geschnitzter Körper wirkt eher plump, entgegen aller Leichtigkeit und Flugfähigkeit. Einzig sein bunter Kopfschmuck und die Federn aus Glas lassen etwas davon noch erahnen.
Besonders entzückend und einladend finde ich ein Stück weiter eine holzgeschnitzte Hasenfigur mit gläsernen Lauschern, auf der zu lesen stand: „Kleine Rast beim Hasen“. Der Rastplatz selbst war sein ausgehöhlter Bauch. Dieser Einladung muss ich folgen. Ich zwänge mich in den für Kinder ausgehölten Hasenbauch und genoss den Ausblick auf den gegenüberliegenden Bach.
Und schließlich entdecke ich an einer Lichtung eine kunstvoll hergestellte Libelle, die als Schaukel dient. Ihr Rumpf ist aus einem Holzstamm gearbeitet, daran befestigt zwei Haltegriffe und zwei Doppelflügel aus weißem Glas. In unmittelbarer Nähe ein lauschiges Plätzchen, das „Freudenthaler Glasmacherbankerl“, das mich zum Rasten und Verweilen einlädt.
Von dort erreiche ich einen weiteren schmalen Holzsteg, der mich auf die andere Seite des Baches wechseln lässt.
Hinter jeder Kurve verbirgt sich eine neue Überraschung, wie zum Beispiel ein weiterer Rastplatz – ein Stier aus Holz mit Hörnern aus rotem Glas.
Und noch ein Steg! Er führt ohne Geländer über einen Graben mit einem unscheinbaren Rinnsal und eröffnet den Blick auf zwei weitere komische Tierfiguren. Im gläsernen Tal gibt es nämlich auch zwei besondere Brillenschlangen, vor denen ich mich nicht fürchten muss, sondern, die mich zum Lachen bringen.
Ein kleines Stück weiter, wiederum in einer Lichtung führt der Weg erneut vorbei an einem Weiher, der die Möglichkeit bietet, einen kleinen Ausschnitt auch unter Wasser zu beobachten. Durch eine dreiseitige Glaswand, zu der einige Stufen hinabführen, wird es möglich, die kleinen Kaulquappen in den unterschiedlichen Stadien sowie kleine Fische zu beobachten. Manche der Kaulquappen kleben an der Glasscheibe, andere zappeln fröhlich entlang der Scheibe. Glas, durch das eine transparente Wahrnehmung ermöglicht wird, ohne die das freie Auge die Welt unter Wasser so nie erkennen könnte.
Am Rand des Teiches hat sich sogar ein Biber aus Holz versteckt, der genüsslich am Baumstamm knabbert.
Nicht weit vom kleinen Weiher entfernt werde ich auf ein Kletternetz aufmerksam. Beim genauen Durchlesen des Textes stellt sich heraus, dass dieses Kletternetz die Molekülstruktur von Glas darstellt. Gleichzeitig können Kinder dies auch als Klettergerüst verwenden. Was für eine großartige Idee.
Um 1 Kilo Glas produzieren zu können, braucht es 2 m3 Holz. Ein überdachter Holzstapel am Rand des Weges veranschaulicht dies. Übrigens auf jeder Säule, an der eine Informationstafel befestigt ist, befindet sich ein Glasstein. Das Tüpfchen auf dem i!
Glasmacherzeichen
Das Ende und gleichzeitig der Anfang des Weges bildet das Glasmacherzeichen. Die liegende Zahl acht, das Zeichen für Unendlichkeit, symbolisiert dabei das Beständige und Dauerhafte des Materials und das Kreuz, das aus dem Kreuzungsmittelpunkt der liegenden Zahl acht hervorgeht, deutet auf die Zerbrechlichkeit des Glases hin. Eine tiefe Symbolik, die bei mir als Betrachtende ein inniges Bedürfnis nach Dankbarkeit entstehen ließ.
Im Anschluss daran führt mich der Weg durch ein kurzes steiles Waldstück hinaus auf eine blühende Löwenzahnwiese mit Blick auf Weißenkirchen im Attergau. Was für ein beeindruckendes Erlebnis!
Der Rückweg, der Großteils dieselbe Wegführung hat, birgt dennoch viele überraschende Einblicke. Völlig neue Perspektiven und Betrachtungsweisen eröffnen sich mir und es waren zwei Stunden des Staunens und der Begeisterung über die Kunst in der Natur an einem historisch so bedeutsamen Ort der Glaserzeugung im Freudenthal.
Text und Bericht: Andrea Enzinger
Die Informationen über die Glaserzeugung wurden aus den Informationstafeln entlang des Weges paraphrasiert.